Zeitmaschine mit Beziehungskrisen?
Zweimal bei kaltem Motor den Vergaser geflutet, dann entschlossen auf den Starterknopf gedrückt und auf die Fehlzündung aus dem Vergaser gewartet. Die neue Lichtmaschine hat sich jetzt schon dank einer randvoll geladenen Batterie bestens bezahlt gemacht. Dann, beim zweiten Startversuch setzt der Shovelhaedmotor seine 1000 ccm Hubraum in Gang, hängt zunächst etwas nervös am Gas, fängt sich dann aber doch und hämmert dann im V2-Rhythmus beständig vor sich hin.

Dieses Motorrad hat einen Pulsschlag aus Stahl, es will nicht beiläufig mit Fingerspitzen, sondern entschlossen mit ganzen Händen bedient werden. Ein gusseisernes Ding, eine selbstfahrende Arbeitsmaschine...
Mit einer umfangreichen Ausstattung von gängigem Zollwerkzeug auf dem Soziussitz gehts los, Schaltung rechts, Fußbremse links und die Hände umklammern, den üppigen Motorvibrationen trotzend, fest den Lenker. Die Skepsis über die Zuverlässigkeit einer alten Sportster aus den frühen 70er Jahren weicht mehr und mehr einer Begeisterung über den fahrerischen Unterhaltungswert der Sportster. Ich entdecke mit Genuss die Vorzüge des Langsamseins und störe mich gar nicht daran, ständig von irgendwelchen Leuten mit 120 km/h überholt zu werden. 50 % fahren und 50 % sehen ist eine tolle Mixtur, wenn es mit ihr auf Tour geht. Dabei pendelt sich die Geschwindigkeit so um die 90 bis 100 km/h ein. Diese Geschwindigkeit liegt ihr auch am meisten, da hat sie ihre beste Betriebsdrehzahl. Mehr Eile ist unerwünscht, aber bummeln in Ortschaftstempo ist auch nicht ihre Sache. Schließlich fahre ich ja erstens einen Oldtimer, dem man dann und wann adäquaten Auslauf gönnen sollte und zweitens fahre ich ja ein amerikanisches Motorrad, da muss schon ein Highwaytempo möglich sein.

Seit Montag nachmittag ist meine Garage durch die alte Sportster XLH 1000 wieder ein Stückchen voller geworden. 8 Wochen Wartezeit waren schon ein langes End', aber gut Ding und gute Werkstattarbeit wollen ja bekanntlicherweise Weile haben.
Nun ist der alte Bendix-Zenith-Vergaser grundüberholt und eingestellt und ich weiß, dass ich daran nicht mehr drehen sollte. Alte Sporties versaufen schnell und da ist auch manchmal eine fehlerhafte Justierung des Vergasers nicht ganz unschuldig am Schlamassel. Daran lag es aber nicht unbedingt, dass die Sportster immer mit verkokten Zündkerzen knallend liegenblieb. In steter Annahme, der Vergaser sei der Übeltäter, durfte ich später dann auch einer Oldtimerzeitschrift entnehmen, dass es eher die Zündung sein könnte. Daran hatte ich wahrscheinlich auch schon im Januar herumgefummelt, als sich die Zündspule verabschiedete. 20 Grad Vorzündung waren doch entschieden zu viel für den Normalbetrieb. Da kann das Benzin-Luft-Gemisch ja nicht ordnungsgemäß verbrennen und dabei auch noch sinnvolle Leistung auf die Kurbelwelle stemmen. Nachdem die Werkstatt die Zündung einstellte, ließ sich nun auch der schon als kaputt abgeschriebene Vergaser problemlos einstellen. Welch ein Glück, da schon ein geliehener Keihin-Vergaser auf den Zeitpunkt seines Einbaues wartete. Vergaser sind nicht billig, so dass das eingesparte Geld dann doch noch in eine Auspuffanlage angelegt wurde. Aus den 70er Jahren noch Teile zu erhalten, ist selbst für authorisierte Harley-Vertragshändler schon beinahe ein Kunststück. Ein Auspufftopf lag noch bei Harley Bielefeld im Lager, den anderen Auspufftopf steuerte Harley Breitenfelde aus dem Hambuger Raum bei. Nun hieß es auf die Verbindungs- und Befestigungsschellen warten, da die Töpfe über keine eigenen Halterungen verfügten. Hierzu mussten noch 3 lange weitere Wochen vergehen, in denen meine Wartelaune bei dem guten Wetter leicht auf ihre Probe gestellt wurde . Eine Auspuffhalterung gab es nicht mehr, sie musste eigens aus 4 mm Flachstahl angefertigt werden. Ich finde es schon erstaunlich, zu welch virtuoser Materialverarbeitung und -verformung ein KFZ-Monteur in der Lage ist. Alles sah prima aus und die Halterung macht einen äußerst stabilen Eindruck. Wollen wir mal hoffen, dass alles hält. Wichtig erschien uns allen, dass der Auspuff nicht an den Zylinderflanschen hängt, da gäbe es schnell Bruch im Grauguss. Dort muss nur alles dicht halten, aber getragen werden muss der Auspuff in seinem Masseschwerpunkt auf der Halterung.
Auf dem Nachhauseweg stellte ich fest, dass der 1. Gang sich nicht einlegen ließ. Auch die Werkstatt äußerte sich wegen der Schaltbarkeit des Getriebes recht kritisch. Zu Hause stellte ich dann doch erleichtert fest, dass der Schalthebel locker auf der Schaltwelle saß. Nach der Demontage sah ich, dass die Innenverzahnung des Schalthebels weg war. Irgendein selbsternannter "Spezialist" fand es in den vergangenen 30 Jahren wohl sehr sinnvoll, diese Verzahnung auszubohren, so dass der Hebel stufenlos auf der Schaltwelle montiert werden konnte. Glücklicherweise war die Außenverzahnung der Schaltwelle des Getriebes noch in Ordnung. Der Mechaniker von Harley Bielefeld riet mit von einer Improvisation ab, auch wenn ich die Halteschraube des Schalthebels wie verrückt angeknallt hatte. Die Gefahr des nochmaligen Verdrehens des Schalthebels und das Herausbrechen der Verzahnung der Schaltwelle ist damit nämlich nicht behoben. So spendierte ich der Sportster also auch noch einen nagelneuen Schalthebel, damit nun stilvoll rechts geschaltet werden konnte.

Ein wenig Sorge machen mir derzeit die etwas schlappen Bremsen. Trommelbremsen am Vorder- sowie Hinterrad sind sicherlich heutzutage nicht mehr Stand der Dinge, aber die hintere Bremstrommel muss wohl oder übel im Herbst ausgetauscht werden. Zu viel ist da schon mal ausgedreht worden und die Bremsbacken kommen trotz ihres Neuzustandes nicht so recht zur Geltung. Weiterhin wird sich auch die Einfachrollenkette unter dem ständigen Drehmoment des Motors, das wahrlich nicht von schlechten Eltern ist, auf ein unakzeptables Maß längen und die Schwingenlagerung (...ätsch, jetzt schon kaputt...) ist für Kurvenfahren nicht mehr so das Wahre. Grundsätzlich muss ich aber bemerken, dass Fahrwerke der 70er Jahre im Allgemeinen kein Ruhmesblatt bei Motorrädern waren, aber im Herbst gibt es dennoch wieder etwas zu tun. Ich bin dabei aber guter Dinge, da das keine unlösbaren Probleme sein werden. Bis dahin genieße ich noch jeden Moment und jeden Kilometer mit der alten Sportster, da ich jetzt weiß, dass sie ihr Bestes gibt.
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