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Fahrertraining August 2002 in Tor Poznan


Wie Rennstrecken aussehen und was auf ihnen passiert, war mir ja schon seit langem bekannt. Daß Rennstrecken aber auch für Otto Normalverbraucher wie mich sehr sinnvoll sein könnten, war mir noch nicht so klar. Nun stehe ich hier wegen eines Fahrertrainings in Tor Poznan an der Rennstrecke und habe drei Tage Zeit, das nun auch für mich zu begreifen. Ich werde zunehmend nervös und spüre, wie es in meiner Protektorenkombi unangenehm eng und warm wird.

Den Motor an, die Ducati läuft sich schon mal warm und draußen am Handlingparcours warten die Instruktoren auf solche Neulinge wie mich. Erster Gang rein und hin zum Vorstart. Na klar, fahren wir ganz langsam, alle sind wir ja die Neuen und wollen in diesen 3 tollen Tagen viel lernen. Übrigens fährt der Instruktor meiner Gruppe eine Ducati 996 oder 998. Sehr motivierend und aufbauend, auch wenn man nur eine 50 PS starke Monster 600 fährt.

Nach den ersten Kurven des Handlingparcours verliere ich erstens die Ideallinie, dann den Anschluß. Hoppla, und wir sind noch nicht mal auf der Rennstrecke! Das kann ja lustig werden. Wir sollen einander auch nicht überholen, aber mein Hintermann hat nach der ersten Runde von meiner Gurkerei dermaßen die Nase voll, daß er vorbeifährt und ich nun ganz hinten fahre. Mir auch recht, nun sitzt mir keiner mehr im Nacken. Wie ich allerdings schon in der 5. Kurve meine Ducati zum Aufsetzen brachte, überrascht mich schon. Aber sie hat aufgesetzt. Und mich nicht abgeschmissen! Wie die Ideallinien auf der Strecke und in den Kurven liegen, hatte ich ja im Internet und darüber hinaus schon am Vorabend anläßlich der Streckenbegehung mitgekommen. Ich muß mich damit also nicht mehr herumplagen. Im Übrigen wäre es ja auch langweilig, wenn man nicht ein wenig schummeln könnte. Ich erfahre theoretisch und praktisch viel über Brems- und Schaltpunkte, wo man vorsichtig fahren sollte und dann wieder so richtig ans Gas gehen kann. Und nicht entmutigen lassen, wenn es mal nicht geklappt hat, denn zum Üben und zum Hinterherfahren bin ich ja hier.

Mittags ist der Krankenwagen schon zweimal draußen gewesen. Zum Glück nicht meinetwegen. Ich bin an dieser Stelle mal Egoist, ja? Aber mich hat der Mut verlassen und bleibe vorerst bei einer Pause richtig lange mal von der Strecke weg und sehe den Profis, oder besser gesagt, den alten Hasen zu, die es nun glühen lassen. Da soll ich also wieder auf die Strecke? Ich will hier überleben und mein Motorrad soll gefälligst heile nach Hause kommen! Wo soll dieses Theater denn noch enden? Zum Glück ist das Catering erstklassig und ich kann mich dadurch recht gut ablenken lassen. Übrigens fährt der Krankenwagen nicht schon wieder? Es ist hier ein bekloppter Haufen und ich mittendrin...

Es wird etwas ruhiger auf der Strecke. Ich versuch es jetzt mal auf eigene Faust, aber dafür in aller Ruhe und vielleicht noch nicht mal so schnell, wie in den Einführungsrunden. Dieser blöde Handlingparcours! Immer zu eng und zu kurvig! Kurz vor der Einfahrt zur Strecke nach links auf die heranbrausenden Teilnehmer geschaut und dann ist Platz für mich. Mein Herz schlägt mir bis zum Hals und die Ducati will endlich ihren adäquaten Auslauf. Die Kupplung greift, das Motorrad gewinnt an Geschwindigkeit. Schnell drehe ich den Motor hoch und beschleunige bis zum 4. Gang. Ich bin drauf. Jetzt kann ich mich aufs Fahren konzentrieren. Die erste Runde gilt, wie immer, dem Warmfahren der Reifen, aber dann finde ich mich langsam auf der Strecke mit ihren Kurven zurecht. Es macht mir so langsam doch Spaß, auch wenn ich vielleicht verhältnismäßig lahm bin. Mit der Blickführung habe ich kein Probleme mehr, so gut kenne ich die Strecke ja auch schon und allmählich werde ich mutiger und entschlossener. Daß der Auspuff auf dem supergriffigen Asphalt kratzt, beunruhigt mich nicht weiter. Brav bleibt die Ducati auf ihrem eingeschlagenen Kurs. Schön zu wissen, daß man sich fast blind auf ihre Fahrwerksqualitäten verlassen kann. Ich hab's fürs erste geschafft und ich fahre hier! Es wird immer besser und fast schon beseelt vom Lernerfolg, vergesse ich fast, Pause zu machen. Die Reifen sind richtig heiß und müssen unbedingt abkühlen. Das ist für den richtigen Grip lebensnotwendig, also raus ins Fahrerlager! Überglücklich stelle ich das Motorrad zwischen all den anderen Racern ab. Ich glaube, ich krieg das mit der Fahrperfektion in diesen 3 Tagen doch noch hin. Profi!

An den nächsten Tagen bin ich mir sicherheitshalber nicht zu schade, meine ersten Runden wieder mit Instruktoren zu fahren. Aber ich merke, daß ich alleine auch schon ganz gut klarkomme, sofern ich den Blick nach vorne frei habe.

Aha, geht doch schon ganz gut! Übrigens gab's gegen einen geringen Obolus eine Foto-CD vom Desmo Volk, um später mal den Kurvenstil anzuschauen!

Immer noch beeindruckt bin ich von den aberwitzigen Schräglagen, die wir in den Kurven zustandebekommen. Das ist keine Akrobatik, sondern reine Fahrphysik. Der Kurs, wie schon gesagt, supergriffig und die Reifen meiner Ducati vielleicht ein wenig zu weich, aber das tut dem Grip keinen Abbruch. Sobald ich den Kurvenausgang sehe, ziehe ich das Gas immer entschlossener auf. Ich genieße die extremen Schräglagen, die zunehmende Geschwindigkeit und fahre die Ideallinie. Scheiß auf die Auspufftüten!

Ich muß dabei aber auch begreifen, daß ich nicht allein auf der Strecke bin und meine gefahrene Geschwindigkeit nicht von schlechten Eltern ist. Zum Glück mußten die Tachos schon zur Vorbereitung des Trainings zugeklebt werden. Eine Schreckensinformation weniger. Ich muß aber auch begreifen, daß das Überholen hier auf dieser Strecke eine kniffelige Angelegenheit ist. Rücksichtnahme ist hier oberstes Gebot. Den Langsamen den Vortritt, denn sie haben den Lernerfolg am allernötigsten. Aber es gibt Geraden und Kurven mit reichlichem Platz, die ich für Überholmanöver nutzen kann, ohne meine Linie zu verderben. Wieder was gelernt!

Langsam merke ich, daß das Fahrwerk meiner Ducati serienmäßig doch reichlich weich abgestimmt ist. Hier kommt die uneigennützige Hilfe eines Fahrwerksexperten im richtigen Moment. Er stellt mir die Federung meines Schaukelpferdes etwas straffer ein und ich kenne dann mein Motorrad dank hinzugewonnener Fahrstabilität nicht mehr wieder. Super und nochmals Danke! Der Handlingparcours? Kein Problem mehr. Kurven auf der Strecke? Kein Problem mehr. Ich kann in einigen Streckenabschnitten nochmals einen Brikett drauflegen und werde nun richtig mutig. Ich fahre fast wie "weggetreten". Ich möchte gar keine Pause mehr und ständig so weiterfahren.

Na prima. Hat sich der Aufwand eines Fahrertrainings doch noch gelohnt!

Aber es passieren mir dann doch einige Dummheiten, vielleicht aus Übermut oder nun aus Nachlässigkeit. Euphorie drückt die Kritikfähigkeit. Ich fahre besser wieder raus ins Fahrerlager. Irgendwie bin ich doch nach 7 Runden total k.o.! Aber ich bin entschlossen, wieder rauszufahren. 5 bis 6 Mal sollte es schon am Tag sein, damit ich meinen Rhythmus behalte und nichts von der Streckenführung vergesse.

Gemeinsam mit anderen Trainigsteilnehmern überlege ich, ob ich nicht zur Verbesserung meiner Kurvengeschwindigkeiten das "hanging off" mal ausprobieren sollte. Eine nicht ganz ungefährliche Lektion, wird mir gesagt. Wer das nicht einwandfrei kennt, sollte es erst einmal lassen. Sicherlich, es reicht. Die Reifen sind durch das Kurvenfahren reichlich fusselig geworden. Die Auspuffe und der Schalthebel sehen durch meinen derzeitigen Wagemut nicht besser aus. Auch der Benzinvorrat geht langsam zur Neige. Ich höre auf. Der letzte Nachmittag gehört dann doch wieder den schnelleren unter uns und wenn es am schönsten ist, sollte man sowieso aufhören. Das hat vielleicht der Ducati doch das Leben gerettet und mich vor unangenehmen Blessuren bewahrt.

Im Geiste unterschreibe ich jedoch schon die Anmeldung für das nächste Training im Mai kommenden Jahres...



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